Technische Ausbildungen braucht das Land – Aber welche?

  • von Gerhard Pramhas
  • am 25. Oktober 2018

Technische-Ausbildung-Pramhas-Beitrag

Die Bildungspolitik ist in aller Munde und wird aktuell von den Zeitungen des Landes kommentiert und analysiert. Anlass für mich, auch etwas zum Thema beizutragen und mir die Frage zu stellen: Welche technische Ausbildung braucht das Land?

Vier Wege zum Techniker

Im Grunde bietet uns das österreichische Bildungssystem vier Wege zum Techniker bzw. Ingenieur:

1.) Die Lehre

Sie absolvieren nach Abschluss Ihrer neun Pflichtschuljahre eine Lehre, z.B. zum Stahlbautechniker oder besuchen eine technische Fachschule.

Vorteil dieses Weges: Sie erlernen den Beruf von der Pike an. In der praktischen Umsetzung des Gelernten kann Ihnen niemand etwas vormachen.

Nachteil dieses Weges: Sie sind ein guter Praktiker, jedoch kein Theoretiker. Sie kennen die Eigenschaften der unterschiedlichen Stahlsorten und wissen genau, welchen Sie besser für Biege- und welchen Sie besser für Schweißarbeiten einsetzen, können aber keinen Festigkeitsnachweis einer Schweißkonstruktion führen.

2.) Matura an einer Höheren Technischen Lehranstalt (HTL)

Nach den ersten acht Pflichtschuljahren wechseln Sie an eine HTL und absolvieren dort nach fünf Jahren die Matura.

Vorteil dieses Weges: Ihr Praxisbezug ist immer noch sehr hoch. Als HTL Absolvent haben Sie Werkzeuge tatsächlich in der Hand gehalten und wissen vermutlich auch, wie man mit einem Schweißgerät umgeht. Auch in der Theorie kennen Sie sich ziemlich gut aus. Eine einfache Festigkeitsberechnung stellt Sie nicht vor unlösbare Aufgaben. Die HTL ist eine sehr gute Basis für die Selbstständigkeit, beispielsweise in einem Ingenieurbüro. Wenn Sie dazu noch eine wirtschaftliche Ausbildung machen, z.B. ein Studium auf einer Wirtschaftsuniversität, steht Ihnen die Welt offen.

Nachteil dieses Weges: Sie sind beruflich trotz der sehr guten Ausbildung eingeschränkt auf technische Berufe. „Nur“ mit der HTL werden Sie es schwer haben, in Chefetagen vorzudringen.

3.) Abschluss an einer Fachhochschule (FH)

Nach dem positiven Abschluss einer Matura führt Sie der Weg an eine Fachhochschule.

Vorteil dieses Weges: Mit genügend Einsatz und Fleiß sind Sie nach nur fünf Jahren Master of Science. Sie bekommen die Chance, im Rahmen von Pflichtpraktikern interessante Firmen kennenzulernen und werden im Idealfall direkt von der FH engagagiert. Sie sind viel früher im Job, als Ihre Kollegen einer technischen Universität.

Nachteil dieses Weges: Die Fachhochschule wird Ihnen zum Verhängnis, wenn Sie einen Doktorratstitel absolvieren möchten. Dafür müssen Sie mehrere Lehrveranstaltungen der TU nachmachen. Durch die FH erhalten Sie einen guten Wissens-Mix aus Praxis und Theorie, Sie sind aber praktisch nicht so gut ausgebildet wie ein HTL- und theoretisch nicht so gut wie der TU-Absolvent.

4.) Abschluss an einer Technischen Universität (TU)

Nach der Matura wählen Sie den Weg an eine der drei technischen Universitäten in Österreich (TU Wien, TU Graz, Montan Universität Leoben)

Vorteil dieses Weges: Hier erhalten Sie die beste theoretische Ausbildung und können, wenn Sie möchten, jederzeit ein Doktorrats-Studium abschließen. Wenn Sie Ihre Ausbildung noch zusätzlich mit Wirtschaft kombinieren, sind Sie schnell in der Chefetage. Sie erkennen Zusammenhänge und sind oft der ideale Generalist.

Nachteil dieses Weges: Bis Sie Ihr TU-Studium abgeschlossen haben, hat Ihr Kollege von der FH bereits einige Jahre Berufserfahrung gesammelt und ist unter Umständen Ihr erster Vorgesetzter. Die meist lange Studienzeit holen Sie finanziell bis zur Pension nicht mehr auf, Ihre Lebensverdienstsumme ist unter Umständen die geringste aller hier dargestellten Varianten und im höheren Alter sind Sie nicht mehr leicht vermittelbar.

Conclusio? 1-2-10 beachten

Für den Wirtschaftsstandort Österreich sind alle vier Ausbildungsformen gleichermaßen wichtig. Das zeigen vor allem auch die diversen internationalen Berufswettkämpfe. Ich rate aber jedem Techniker, die Formel 1-2-10, die ich in einem früheren Blogbeitrag bereits behandelt habe, zu berücksichtigen.

Sie haben weitere Fragen zum Thema, oder möchten eine andere technische Frage mit mir klären? Nutzen Sie jederzeit mein Kontaktformular oder schreiben Sie mir an gerhard@pramhas.eu.

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